Unser heutiger Interview-Gast ist Jan Fischer, Geschäftsführer der in München ansässigen innosabi GmbH. Das in München ansässige Unternehmen ist spezialisiert auf Open Innovation und Co-Creation. Seine Crowdsourcing-Plattform unserAller.de verfügt aktuell über ca. 12.000 Mitglieder.

Ed Wohlfahrt: Herr Fischer, Sie sprechen am Innovationskongress 2011 am 17. und 18. November 2011 in Villach über die Erfolgsfaktoren bei der Produktentwicklung mit Konsumenten. Was müssen Unternehmen beachten, wenn sie gemeinsam mit Konsumenten Produkte entwerfen?
Jan Fischer: Hierbei gibt es eine ganze Menge an relevanten Punkten, die beachtet werden müssen. Insbesondere sollte stets sichergestellt sein, dass sämtliche Lösungen durch den Hersteller produzierbar und auch zum Unternehmen passend sind. Denn ein Crowdsourcing Projekt welches nicht umsetzbar oder produzierbar ist, sorgt sowohl auf Seite des Herstellers, wie auch auf Seite der Konsumenten für Unmut.
EW: Was, wenn aus dem Crowdsourcing-Prozess Produkte hervorgehen, die das Unternehmen in dieser Form nicht will?
JF: Wenn es soweit gekommen ist, ist es eigentlich bereits zu spät. Damit eine derartige Situation in unseren Projekten nicht eintreten kann, erarbeiten wir gemeinsam mit dem Hersteller noch vor Projektstart die Positionierung des späteren Produktes. Hieraus wiederum leiten wir Rahmenbedingungen ab, die durch die Konsumenten beachtet werden müssen. Zusätzlich dazu prüfen wir jeden neuen Vorschlag innerhalb weniger Minuten, ob dieser auch wirklich innerhalb der vorgegebenen Rahmenbedingungen liegt. Dies ist auch sehr schön anhand der Projekte, die wir mit dm-drogeriemarkt und Görtz17 gemacht haben, erkennbar. Hier gab es einen sehr großen Lösungsraum und beide Produkte haben einen eindeutigen Charakter und passen zu 100% zu den jeweiligen Unternehmen. Durch die konsequente Anwendung dieser Prinzipien, verbunden mit unserer Erfahrung in solchen Projekten, garantieren wir jedem Unternehmen ein erfolgreiches Projekt.
EW: Wie reagiert die Community bzw. einzelne Ideenlieferanten, wenn ihre Ideen von Unternehmen nicht im vorgeschlagenen Umfang berücksichtigt werden?
JF: Auch hier sollte diese Situation bereits in der Konzeption des Projektes vermieden werden. Nach der Vorschlags- und Diskussionsphase der unserAller-Projekte wandern die beliebtesten 50 Vorschläge der Nutzer an unseren Projektpartner, den Hersteller, und werden dort nochmals geprüft und freigegeben. Damit stellen wir sicher, dass jeder Vorschlag in der darauffolgenden Abstimmung für den Hersteller umsetzbar und passend ist. Nun können die Konsumenten frei abstimmen und dadurch den besten Vorschlag bestimmen. Alle Nutzer deren Vorschläge nicht zu beliebtesten 50 zählen, nehmen diesen Schritt sehr gelassen hin. Sie erkennen in dem Moment, dass der eigene Vorschlag nicht der Mehrheit der anderen Konsumenten zusagt und geben sich in darauffolgenden Phasen weiterhin viel Mühe, um das Projekt voran zu treiben.
EW: Auf Ihrer Crowdsourcing-Plattform (www.unserAller.de) wird sozusagen öffentlich entwickelt. Welches Mindset benötigen Unternehmen, damit sie von Crowdsourcing nachhaltig profitieren?
JF: Ein unserAller-Projekt eignet sich für fast jedes Unternehmen vom kleinen Restaurant bis zum großen Konzern. Allerdings sollte Crowdsourcing nicht ausschließlich als Marketingaktion gesehen werden, denn die Konsumenten geben sich wirklich viel Mühe um dem Unternehmen zu helfen und schaffen mit ihren Beiträgen, Vorschlägen und Ideen eine unglaublich große Vielfalt an Informationen. Dieses Potential sollte das Unternehmen für sich nutzen, um die eigenen Produkte oder Dienstleistungen zu verbessern. Denn gerade damit wird man auch nachhaltig von einem Crowdsourcing Projekt profitieren.
EW: Welche Rolle spielen im Geschäftsmodell von innosabi soziale Medien bzw. wäre der Erfolg ohne sie überhaupt denkbar gewesen?
JF: Ohne Social Media Plattformen wie facebook wäre ein so rasantes Wachstum der Community schwierig gewesen. Nicht mal ein Jahr nach dem Start von unserAller konnten wir schon unseren 10.000. Mitentwickler begrüßen – dieses Wachstum entstand ohne Media Spendings, rein durch Mund-zu-Mund Propaganda. Erleichternd kam hinzu, dass Social Media Plattformen natürlich die Kommunikation mit Konsumenten wesentlich fördern. Zudem sollte sich jedes Unternehmen, ob KMU oder Konzern, stets überlegen welchen Nutzen die Meinung des Konsumenten für das Unternehmen hat. 50.000 Fans ohne wirkliche Bindung zum Unternehmen bringen dem Unternehmen augenscheinlich weniger als 5.000 Kunden, die einem zu jedem Produkt oder zu jeder angebotenen Dienstleistung Feedback geben können.
EW: Ein Blick in die Glaskugel: Wo sehen Sie das Thema Crowdsourcing in fünf Jahren bzw. anders gefragt: Wird es dann Mainstream sein, Ideen an die Community auszulagern?
JF: Ob Crowdsourcing Mainstream wird, kann ich nicht sagen – ich glaube eher, dass Crowdsourcing zukünftig ein Aushängeschild besonders kundenorientierter Unternehmen sein wird. Sicherlich eine gute Möglichkeit, sich als Hersteller deutlich vom Wettbewerb abzugrenzen.

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